1. Prof. Dr. phil. habil. Roland Bothner, im Februar 2018
Zum Werk Felix Pruners

2. PROFUNDISMUS
Ein Weg, die moderne Malerei wiederzubeleben

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1. Prof. Dr. phil. habil. Roland Bothner, im Februar 2018
Zum Werk Felix Pruners

Der Sog, der Strom. Totalität als Wechselwirkung der Momente, die Teile totalisieren sich, die Totalität differenziert sich. Farbenspektrum, möglichst reinbunt-unbunt Kontraste. Getrennt, unvermischt. Daneben schwarz und weiß.

Aber wodurch? Nicht durch Formorganisation, Präformation. Die Farben sind keine Gegenstandsfarben, kein Füllstoff. Abstrakte Malerei, aber keine ideierende Abstraktion.

Farbe als Farbintensität, als Farbgestalt, deshalb Ausdruck von Intensitäten, des qualitativ Intensiven. Zur Fläche: Quantität ist auch eine Qualität, wie Hegel sagt. Damit verwandelt sich die Fläche selbst, sie wird Grund. Erst als Grund ermöglicht sie Tiefe.

Fläche als qualitativer Grund ermöglicht Tiefe. Tiefe ist keine räumliche Dimension, ist weder Vorder-, Mittel- noch Hintergrund. Tiefe als Ereignisfeld.

Ist Fläche als Grund der Tiefe Ereignisfeld, implodiert die Totalität als Relation von Teil und Ganzheit. Sie befreit von der Tyrannis der Dimensionen. Das Ereignisfeld ist keine Makrostruktur von Mustern. Die Geometrie tritt außer Kraft. Das Formdenken ebenso. Das Bild detotalisiert sich.

Das Bild detotalisiert sich, indem es sich totalisiert. Es richtet sich ein.

Malfläche keine Formausdehnung, keine homogene Quantität. Kein Schauplatz des Form-Farben-Schauspiels. Die Fläche selbst ist eine Dialektik. Dialektik ist das bildnerische Bewegungsgesetz. Von Teil zu Ganzheit, von Ganzheit zu Teil. Die Ganzheit zerspringt, die Teile geraten explosiv aneinander.

Worin besteht das Explosive? In der Gestaltung der Kontraste. Es herrschen die größtmöglichen Kontraste vor: Unbunt- und Reinbunt-Kontraste. Damit sich die Kontraste nicht gegenseitig auslöschen, fahren Modulationen dazwischen. Sie besitzen vermittelnde Wirkung.

Dialektik als bildnerische Bewegung. Die Farbgestalten geraten aneinander. Sie werden nicht homogenisiert. Sie entfalten sich gemäß ihres Intensiven, ihrer Entelechie. Daraus entwickeln sich die Wechselwirkung von Intensität und Extension.

Wodurch erhalten die Farbgestalten ihren Ausdruck? Sie sind individualisiert, deshalb verweigern sie sich einer übergreifenden Ordnung. Sie addieren sich nicht. Sie assoziieren  sich gemäß ihrem Intensitätsgrad, durch den Buntgrad der Farbe angezeigt. Dadurch erhält sich deren individueller Ausdruck. Und als Farbindividuen rebellieren sie gegen fremde Formordnung. Sie assoziieren sich zum Verbund, um sich darin wieder zu individualisieren. Aber individuell erkennbar sind sie nur durch die Verbindung mit den anderen. Sie sind, was sie sind, und sie sind das, was sie nicht sind, durch die anderen. Individualisiert sind durch das Gestische. Das Gestische, die individuelle Pinselführung, verwandelt die Farbquanten in individuelle Farbqualitäten.

Cézanne, Pruners Vorbild, scheiterte an der Inkongruenz von Totalität in Einzelheit, an der Inkongruenz von Farbharmonie und Farbqualität, der Inkongruenz von Gegenstand und Raumorganisation. Im Widerstreit stehen die Elemente zur Totalität. Diesen Streit wollte er harmonisieren, nicht austragen. Dieser Widerstreit lässt sich nicht schlichten. Weil Form als Raum und Farbe keine Form, sondern eine Intensität ist. Die Nase riecht keinen Raum, das Ohr hört keinen Raum. Die Sinne nehmen Reize wahr, nicht gemäß ihrer Ausdehnung, sondern gemäß ihrer Intensitätsgrade. Es kann in einem Raum „streng riechen“, aber kein Raum „riecht streng“.

Davon befreit die abstrakte Malerei. Sie befreit von Gegenstand und Raumordnung, das führt zur Befreiung der Farbe als Farbqualität. Pruners Malerei ist originäre Farbmalerei. Er bringt deshalb jede Formordnung zum Einsturz. Das führt ihn zur Farbe als Ursprung zurück. Das Gestische individualisiert die Farbquanten zu Farbintensitäten. Diese sind entelechetischer Natur. Sie entfalten und assoziieren sich gemäß ihrem Intensiven. Das hat Folgen für die Malfläche: Sie ist keine Formordnung mehr, keine homogene Ausdehnung, die gar Dreidimensionalität suggeriert. Die Assoziationsenergie verwandelt die Ausdehnung in Tiefen, sie verwandelt sie in ein Ereignisfeld.

Pruners Bilder sind deshalb profundistisch, weil sie sich auf das Elementare beziehen, und weil Pruner die Farbqualitäten in ihrem Elementaren aufgreift, nämlich als Ausdrucksintensitäten. Gemäß ihren Intensitätsgraden verleiht er ihnen gestische Individualität. Dadurch benötigen sie keine übergreifende Ordnung, sie verknüpfen sich unter Bewahrung ihres individuellen Ausdrucks.

Pruners bildnerischer Gesamtzusammenhang unterwirft sich der Dialektik, deshalb sind seine Werke dynamisch. Weil Farbindividuen sich nur assoziieren, totalisieren sie sich, um gleichzeitig zu detotalisieren. Auf diese Weise geraten sie in Bewegung, um sich gleichzeitig im Zustand der Ruhe zu bewahren oder zu halten. Ruhe und Bewegung sind aufeinander bezogen. Diese bildnerischen Prozesse von Totalisierung und Detotalisierung, von Statik und Dynamik, von Individualisierung und Assoziation, von Ereignisfeld und Intensität sind dialektischer Natur. Dadurch zeichnet sich Pruners Gesamtwerk aus.

Indem sich Pruners Werk jeder übergreifenden, präformierenden Konstruktionsweise verweigert, sich dagegen bildnerisch der „natura naturans“ zuwendet, um in der Farbe ihre Elementarkraft zu finden, gibt er der Natur ihr individuelles Antlitz zurück. Pruners Landschaftsbilder verwandeln sich so zu Ausdrucksfiguren der Natur. So gerät Pruner nicht nur in die Nähe Cézannes, unwillkürlich drängt sich ein anderer Name auf: Albrecht Dürer.

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2. PROFUNDISMUS
Ein Weg, die moderne Malerei wiederzubeleben

2.1 Fünf Thesen des Profundismus

  1. Profundistisches Malen schließt Gefälligkeiten nicht aus, doch Schönheit hat zurück zu stehen.
  2. Profundistische Malerei schließt praktisches Handwerk – wie man Farbe mischt und aufträgt – sowie theoretische Kompositionsregeln nicht aus. Entscheidend ist, als Gerüst für die Eigenart des Künstlers, ausschließlich die kompositorische Ebene.
  3. Beim profundistischen Malen können bekannte Stilrichtungen in das Werk einfließen, doch insgesamt muss etwas Neuartiges entstehen.
  4. Profundistische Malerei kann eine Geschichte erzählen, also durchaus narrativ sein. Bedeutsamer ist der Aspekt, direkt etwas in Gang zu setzen. Dies allein durch die Energie, die von der kompositorischen Totalität ausgeht.
  5. Eine Komposition ist dichter und mannigfaltiger, wenn:
    1. große Flächenausdehnungen und repetitive Muster vermieden werden,
    2. das gesamte Farbenspektrum zum Einsatz kommt.
  6. Die Herausforderung ist, das Gesicht des Bildes zu erhalten. Nicht in ein buntes Chaos von Zufälligkeiten und Effekten abzugleiten.

 

2.2 Erläuterungen zum profundistischen Malen

Die in der fünften These angesprochene Dichte und Mannigfaltigkeit eines Gemäldes ist das Neue an der profundistischen Malerei. Solche Bilder gehen an die Grenze, an der das Kunstwerk als Gesamtheit zu zerfallen droht. Erreicht der Maler das Ziel, geht er bis an die Grenze, entsteht eine Totalität, die die ursprüngliche Wirklichkeit des Künstlers in Erscheinung bringt.

Felix Pruner erkennt, dass in allen seinen Bildern wichtige künstlerische Grundregeln nicht aus dem Auge verloren werden dürfen, sollte eine völlige Homogenität in der Komposition erreicht wird.

Der Zweck des Malprozesses ist, dass beim Übergang von Zerfall zu Befriedigung typische Merkmale und Stimmungen einer Landschaft auf versteckte Art zur Geltung kommen. Durchaus sogar surrealistische Momente. Die Bezeichnung „Profundismus“ ist vom französischen Wort profond abgeleitet und wird in doppeltem Sinn verwendet: Zum einem, dass diese Art des Malens dicht und gründlich ist, zum anderen, dass Wert auf die Tiefen in der Komposition gelegt wird.

Der Profundismus enthält Elemente bekannter Stilrichtungen (hauptsächlich expressionistische, kubistische und impressionistische). Das ist zufällig und unbewusst, wie bei jeder Kunst. Denn Kunst gibt es nur, weil es Kunstgeschichte gibt. Das Bekannte kann in den Entstehungsprozess integriert werden, um das Ziel zu erreichen.

Durch die Verschmelzung von bekannten Mitteln und Malrichtungen entsteht etwas Neuartiges, das mit jeder einzelnen dieser Komponenten nicht zu vermitteln ist. Das Neuartige resultiert aus dem Vermehrenden im Malprozess. Wie bei allen neuen Kunstrichtungen beinhaltet der Profundismus die Übertreibung, um die Werte dieser Malrichtung zu prononcieren.
Der Profundismus fühlt sich mit Cézanne wahl verwandt, mit dessen Ansichten und Intentionen:

„Er wollte eine volle, ganzheitliche Kunst, aus dem Studium der Natur gewonnen, aber in Einklang mit den Mitteln der Kunst gebracht und auf die Erfassung einer tieferen Wahrheit der Natur zielend. … In der Folgezeit ist der Kristall in tausend Teile zersprungen, und jeder einzelne Teil weiß nichts mehr von dem anderen.“ (Hajo Düchting über Cézanne)

Das Werk eines Genies wie Cézanne ist nicht kontinuierlich fortzusetzen. Es musste zuerst zerpflückt und analysiert werden. Jetzt ist es aber an der Zeit, die Teile wieder zusammen zu fügen, um die Malerei wirklich weiterzuentwickeln. Zurzeit sind nur wenige lebende Künstler dazu in der Lage.

2.3 Die derzeitige Situation in der modernen Malerei

Die meisten Vertreter der derzeitigen abstrakten oder abstrahierenden Malerei bleiben in einer Bildphase stehen, in der es für einen talentierten Künstler keine Schwierigkeiten gibt. Diese Arbeiten sind meist viel zu flächig oder skizzenhaft. Die Künstler vergessen, dass auch im Detail abstrahiert werden kann. Aber erst bei einer größeren Dichte, wird es schwierig. Dann tauchen auch für den Könner Kompositionsprobleme auf. Das Risiko, dass das Bild entgleitet oder zerfällt wird meist gescheut.

Die Gründe für die Anspruchslosigkeit sind darin zu suchen, dass entweder die wenigsten Maler tatsächlich komplexe Bildkompositionen beherrschen, oder aber, aus kommerziellen Motiven, im Dekorativen verharren. Für komplexe Bilder gibt es weder Interessenten noch einen Markt.

Eine bessere Bildung des Publikums ist vonnöten, damit die Schönheiten der profundistischen Malerei gesehen werden. Der Betrachter sollte einen Lernprozess durchlaufen, um mehr als nur oberflächliche Schönheit zu genießen. Man braucht besonders am Anfang viel Zeit, um sich in die Komplexität solcher Arbeiten einzulassen, das angebliche, vordergründige Chaos hinter sich zu lassen.

Profundistische Bilder müssen als Ganzes betrachtet werden, um die Heraushebung einzelner Objekte und ihre Einbettung in das Ganze als Teil der Komposition zu verstehen. Nicht über Einzelheiten versteht man das Ganze, sondern erst wenn einem die Gesamtheit klar ist, erkennt man die Einzelheit.

Schwierig ist die Einschätzung der Qualität einer Komposition, vor allem, wenn der Künstler an die Grenze kompositorischer Regeln geht. Gerade bei den künstlerisch auf  hohem Niveau stehenden Arbeiten ist zu beobachten, dass eine ausgefeilte Technik nicht mehr notwendig ist. Der technische Teil des Handwerks wird zwangsläufig vernachlässigt, wenn die Kunst auf kompositorischer Ebene auf hoher Stufe steht. Vom bloßen Kunstmaler darf und muss sogar eine brillante Technik verlangt werden, weil er meist nur einfache, leicht erlernbare Raumaufteilungen verwendet.

2.4 Fazit

Es muss gelingen, die angesprochenen, fast vergessenen Werte in die Malerei wieder zu integrieren. Das ist ein Weg, auf dem der Malerei der ihr angemessenen hohen Stellenwert wieder verschafft werden kann.